23. November 2016

ÜBER WAS MAN JETZT REDEN MUSS


(English version below)

Lange habe ich mich zurückgehalten mit einem Blogbeitrag über ein Thema, das in mir regelmäßig Wut- und Tränenausbrüche hervorruft. Doch damit ist jetzt Schluss. Es gibt eine Zeit, in der man darüber reden muss. Und die ist jetzt. Ich möchte nächstes Jahr nach der Bundestagswahl mich nicht fragen müssen: hätte ich mithelfen können, das zu verhindern?
Ich spreche von der stabilen rechtsextremen und rechtspopulistischen Orientierung, wie die neue Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES-Mitte-Studie) die Mitte Deutschlands einschätzt. Mit anderen Worten: Rechtspopulismus ist auf dem Vormarsch, salonfähig geworden, in der Mitte der Gesellschaft angekommen, es ist anscheinend okay, sich rassistisch zu äußern, Flüchtlingsheime anzuzünden, die Gleichberechtigung von Mann und Frau zu verteufeln, den Klimawandel zu leugnen und die LGBT Community in die Hölle zu wünschen. Ich spreche von der AfD, von Donald Trump, von Erdogan, von Putin und von Polens Ministerpräsidentin Beata Szydło. Ich spreche vom Rechtsruck in Österreich, von Englands Austritt aus der EU und von allen, die gerade von der Unsicherheit und schlichtweg von den insgeheim schon immer da gewesenen fremdenfeindlichen Ressentiments, die man anscheinend heutzutage wieder ganz offen aussprechen darf, profitieren.

Ich möchte hiermit eins sagen: ES IST NICHT OKAY, oben genannte Dinge zu denken, zu sagen, zu tun. Und JETZT ist der Zeitpunkt etwas zu sagen, Freunde, Bekannte und Kollegen darauf hinzuweisen, wenn sie einen braunen Mist von sich geben und es ist Zeit, sich für mehr Menschlichkeit und Mitgefühl auszusprechen. JETZT. Nicht irgendwann. JETZT. Ich kann das gar nicht oft genug schreiben, weil die meisten – und damit schließe ich mich bis vor Kurzem selbst ein – sich in eine gefährliche Traumwelt flüchten: es wird schon nicht so schlimm werden. Jemand anderes wird es schon richten. Und alle denken sich: na klar lehrt uns die Geschichte, welche Fehler man nicht wiederholen sollte. Aber woran erkennt man eigentlich, dass genau derselbe Fehler gerade eben passiert? 

Indem wir den Mut haben uns gegen Hass und rechte Hetze zu stellen, können wir vielleicht den Fehler vermeiden, den unsere Vorfahren in Nazi-Deutschland gemacht haben. Da haben auch alle nur zugeschaut, aus „Protest“ die Falschen gewählt und sich nachher gewundert, wie das alles zustande gekommen ist und Millionen von Menschen sterben mussten. 

"Eine Partei, deren Programm absurd und verachtenswert erschien, hatte sich plötzlich und unerklärlicherweise im Lande breit gemacht." (aus: Was ich liebte, Siri Hustvedt) 

Seid doch bitte nicht so naiv zu glauben, so etwas könne sich nicht mehr wiederholen, nur weil man es in der Schule jedes Schuljahr in fast jedem Fach durchgekaut hat!

Nein, ich lasse keine „Ja, aber…“-Antworten mehr gelten. Man muss ganz klar und eindeutig gegen solche Einstellungen vorgehen und nicht abwarten. Es wird so schlimm werden, wie du es erwartest, wenn du nichts dagegen tust. Ich habe kein Verständnis für rechtsradikale, fremden-, schwulen-, lesben- und frauenfeindliche Kommentare. GAR KEINS. Ich kann über viel lachen, aber an dieser Stelle hört der Spaß auf. 

Darum bitte ich euch inständig: habt den Mut, widersprecht rechtem Gedankengut, egal wie sehr man denkt, es gebietet die Höflichkeit, die Scham oder sonstwas, nichts zu sagen. „Es herrscht ja Rede- und Meinungsfreiheit“. Aber guess what: diese Freiheit hört in dem Moment auf, in dem die Freiheit anderer beschnitten wird, in dem sie „deportiert“ werden sollen, in dem ihnen nicht dieselben Rechte wie alle anderen Menschen zusteht. We are all created equal. Wir sind alle gleich. Diese Rede- und Meinungsfreiheit hört auf, wenn es um rechten Hass und volksfeindliche Hetze geht. Diese Freiheit hört genau hier auf. Und wir müssen uns JETZT stark machen und nächstes Jahr vor allem eins tun: wählen gehen! Und zwar nicht aus Protest, sondern überlegt und für eine demokratische, freiheitliche, liberale, liebevolle Zukunft. 

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WHAT WE HAVE TO TALK ABOUT NOW

I restrained myself for a long time from a blog entry about a topic that regularly has me in tears and makes me furious beyond words. But this is the end of it. There is a time when you have to talk about it. And this is now. Next year, when the Bundestag election is over, I don’t want to wonder: could I have helped preventing this outcome?

I am talking about the stable right-wing extremist and right-wing populist orientation, as the new study of the Friedrich Ebert Foundation (FES-Mitte study) says about the center of Germany’s society. In other words, right-wing populism has arrived in the middle of society, it is deemed socially acceptable, it seems to be okay to express yourself in a racist manner, to set fire to refugee homes, to condemn the equal rights of men and women, to deny climate change is happening and to wish the LGBT community to hell. I am talking about the AfD, Donald Trump, Erdogan, Putin and Polish Prime Minister Beata Szydło. I am talking about the shift to the right in Austria, the BREXIT, and all those who now benefit from the uncertainty and from the hostile resentments that apparently have always been there and that have only waited until it is okay to be openly said again. 

I would like to say one thing loud and clear: it is NOT OK to think above, to say above, to do above. And NOW is the time to say something, to point that out to family, to friends and to colleagues when they make racist remarks. To let them know that they have to express more humanity and compassion. NOW. Not some day. NOW. I cannot write this often enough, because most of them - and I include myself until recently - escape into a dangerous dream world: it will not be so bad. Someone else will make it all right.
And everyone thinks: well, history teaches us which mistakes we should not repeat. However, how does one actually recognize that the exact same mistake is happening right now?

By having the courage to oppose hatred and far right propaganda, we can perhaps avoid the mistake our ancestors made in Nazi Germany. Back then, everyone also “just” watched it, voted for the wrong party because they wanted to protest and afterwards wondered how they all got it so wrong and millions of people got killed. Please do not be so naive to believe that something like this cannot happen again, just because the topic has been brought up in nearly every school year in nearly every subject!

No, I will not accept any “Yes, but ...” answers. You have to present a clear and unambiguous stand against such attitudes. Do not wait, because it will be as bad as you expect it to be if you do not do anything about it. I have no understanding whatsoever for far right-wing, xenophobic, anti-gay, anti-lesbian, and anti-feminist comments. NONE AT ALL. I do laugh a lot, but this is not funny.

Therefore, I urgently ask you to: have the courage to contradict rightist thought, no matter how much you think it is a matter of courtesy or shame or something else to say nothing. “We have freedom of speech and expression.” Well, guess what: this freedom ceases to exist at the moment when the freedom of others is neglected, when they ought to be “deported”, when they do not have the same rights as other human beings. We are all created equal. We are all the same. The freedom of speech and expression ceases when it comes to right-wing hatred and propaganda of this sort. The freedom ceases precisely here. And we must be strong NOW and we have to do one thing next year, above all: go and vote! Do not vote out of protest for the parties now in power, but vote for a democratic, free, liberal, and loving future.

1 Kommentar:

  1. Hallo Jennifer,

    ich teile Deine Besorgnis. Donald Trump ist für mich ein „Bully“ – wie Amerikaner sagen – jemand, der gefühlt schon auf dem Schulhof andere drangsaliert und eingeschüchtert hat. Mit dieser Verhaltensweise hat er Erfolg gehabt und ich fürchte, dass er sie gegenüber anderen Politikern, Bevölkerungsgruppen und Regierungen anwenden wird.

    Ich sehe es auch so, dass man Menschen mit rechtem Gedankengut widersprechen muss. Was können wir sonst tun, um zu verhindern, dass so etwas wie in USA auch bei uns passiert? Einige Gedanken dazu habe ich unter http://www.vgsd.de/?p=15630 aufgeschrieben.

    Ich finde es wichtig, dass wir diese Themen diskutieren und uns gegenseitig ermutigen, für unsere freiheitliche Gesellschaft einzustehen.


    lg Andreas

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