23. Juni 2014

FEHLANZEIGE GELD & GAGE


Dichter und Denker leben nicht von Luft und Liebe. Mag sich komisch anhören, ist aber so. Der weit verbreitete Irrglaube, Kreativschaffende können es sich leisten, Ideen, Einsatz und Zeit umsonst zur Verfügung zu stellen, gehört ein für alle Mal abgeschafft.

Die Idee ist super! Geld? Nee, haben wir keins. 
Tolle Idee! Aber wir können nichts zahlen. Dafür stehen deine Zeilen in einem 1A hübsch gedrucktem Magazin, das vermutlich weniger Abnehmer haben dürfte, wie ursprünglich gehofft und gedacht. 
Ich möchte keine Namen nennen, aber was selbstverständlich sein sollte, nämlich die Autoren zu bezahlen, scheint bei vielen neu oder nicht neu gegründeten Magazinen im Businessplan gar nicht in Betracht zu kommen. Hier muss ich mir selbst zuerst an die Nase fassen: auch wir konnten damals unseren Autoren, die wir mit ihren Geschichten und Fotografien im Literaturmagazin [Lautschrift] veröffentlichten, kein Honorar bezahlen. Natürlich wollten wir, aber das Geld ging tatsächlich entweder direkt von unserem eigenen Konto in den Druck oder aber vom Verkauf der vorherigen Ausgabe und von den Einnahmen des Crowdfundings (das wir übrigens nicht so einfach zusammenbekamen und uns dagegen entschieden, auch noch ein Autorenhonorar mit draufzupacken. Im Nachhinein ein Versuch, der es vielleicht doch wert gewesen wäre) dorthin. Wir selbst, die Redaktion, verdienten nichts. Und das war auch nicht Sinn der Sache, also keine Sache, der ich nachtrauere. Aber wer heutzutage als freiberufliche/r Autor/in Artikel, Fotos, Reportagen und dergleichen anbietet, der bekommt meistens ein: Schön, aber wir können nichts zahlen! zurück. Das ist doch verrückt! Das öffnet doch Tür und Tor zur Korruption (also viel weiter gedacht und bei viel wichtigeren Themen, die ich vielleicht Redaktionen vorschlage): wenn schon die Zeitung nichts zahlt, dann aber vielleicht der Pharmakonzern, dank dessen Beigabe zu meiner Miete ich meine Reportage über gepanschte Medikamente etwas positiver ausfallen lasse?
Nur die wenigsten Zeitungen und Magazine sehen ein, dass Qualität auch bezahlt werden muss. Und ja, ich meine genauso Print- wie Onlineangebote. Und nein, ich schreibe keine Reportagen, die mich Zeit, Geld und Nerven kosten, um sie nachher nicht zu veröffentlichen und wenn, dann ohne Honorar.
Und ja, ich habe ein bisschen Angst, dass ich nun hier meinem Ärger über die derzeitige Situation in der Kreativwirtschaft Luft mache und beim nächsten Auftrag/Angebot/Anfrage dafür bestraft werde. Aber die Gedanken sind frei. So war das jedenfalls mal im Land der Dichter und Denker. Und jeder, der sich ernsthaft mit seiner eigenen Branche auseinandersetzt, der kommt gar nicht umhin, derselben Meinung zu sein. Gute Arbeit gehört vergütet. Punkt. Aber es gibt noch andere Beispiele:

Nur mal kurz einen Text lesen, das Umsonst-Lektorat
„Kannst du mal kurz?“. Ein häufig gehörter Satz aller Mitmenschen, die Germanistik o.ä. studiert haben, die Rechtschreiberegeln auch in E-Mails einhalten und generell belesen aussehen oder doch zumindest sich einigermaßen mit der deutschen Grammatik auskennen. „Kein Problem“, lautet die Antwort. Kein Problem? Doch! Eigentlich müsste man es zum Problem machen: denn wer Rat will, der sollte auch anerkennen, dass man dafür drei oder mehr Jahre in der Uni verbracht hat und das eigene Wissen nicht zum Zeitvertreib angeeignet hat, sondern um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.  
Aber wir kommen uns doch selber blöd vor für einen kleinen Ratschlag, für das „kurze“ Drüberlesen einer Bewerbung, für die Frage nach einem Synonym, nach einer Übersetzung oder einer besseren Formulierung, Geld zu verlangen. Ich mache das auch nicht. Und möchte es auch nicht. Dafür habe ich meine Bürokollegen zu gerne, dafür möchte ich auch bei Familie und Freunden lieber umsonst helfen, weil ich ja auch weiß, dass mir das in welcher Form auch immer mal wieder gedankt wird.
Aber die Einstellung muss man kritisch sehen, denn zu oft übertragen wir sie auf die beruflichen Kontakte. „Kannst du mal kurz?“. „Klar“. Aus "kurz" wird eine Stunde, eine Stunde weniger an Texten zu schreiben, Kontakte zu knüpfen, die einem vielleicht tatsächlich später einmal Geld auf das Konto überweisen. (Später? So tief sitzt der Gedanke, dass man sowieso nicht SOFORT bezahlt wird).

Dafür haben wir doch unbezahlte Praktikanten!
Ein Stellenangebot als Produktionsleitung. Freundliche Anfrage, ein Genre abseits des normalen „Tatort“-Krimigenres, interessant. Das Budget: gerade einmal 1/6 des letzten Low-Budget Films. Nicht, dass man mit wenig Budget nicht auch gute Filme machen kann, mein Lieblingsbeispiel hier ist „Blair Witch Project“, der mit ca. 60.000 US-Dollar gedreht wurde und beinahe 250 Millionen einnahm. Eine Seltenheit. Aber ein Investor, der mehrere solcher „kostengünstige“ Filme drehen möchte, innerhalb eines Jahres, der könnte doch auch eigentlich das komplette Geld in einen Film investieren, oder nicht? Aber so müsste die PL (also ich), mal wieder ihren Kontakten, der Crew ihres Vertrauens sagen, sie können leider nicht gut bezahlt werden, eigentlich gar nicht gut. Eigentlich, und darauf wird es bei vielen Positionen, die als scheinbar nicht wichtig eingestuft werden, hinauslaufen, soll umsonst gearbeitet werden. Holt mal schnell einen Praktikanten oder zwei. Das ist eine Frechheit. Die wenigsten Produktionen zahlen eine Tarifgage und meistens ist nicht der fehlende Wille das Problem, sondern das Fehlen von Förderern. Vielleicht sollte man sich als öffentliche Förderer überlegen, ob man den zigsten Krimi nicht lieber lässt und dafür neue, ungewöhnliche Geschichten fördert. Und zwar richtig. Ich möchte hiermit auch gar nicht sagen, dass es nicht Menschen gibt, die sich bemühen, diese Missverhältnisse abzuschaffen, die für faire Bezahlung sind und denen es beinahe das Herz bricht, wenn sie eine erzählwürdige Geschichte haben, aber nicht das Geld, um eine ordentliche Bezahlung der Beteiligten zu gewährleisten. Da siegt dann eben auch oft die Angst, eine wichtige Geschichte nicht erzählen zu können. Aber allen Redakteuren, Produktionsgeschäftsführern und Investoren sei einmal ans Herz gelegt: wer die Mitarbeiter fair bezahlt, der wird nicht nur eine wichtige Geschichte erzählen können, sondern eine, die mit noch mehr Einsatz und Leidenschaft und vor allem Qualität produziert wurde. Und zugleich muss er keine Angst haben, dass die Hälfte der Crew wegen Burnouts den Krankenkassen auf der Tasche liegt (eben auch wieder der Allgemeinheit, sei hier mal ein kleiner Teufelskreis angedeutet) und die andere auf Grund von Zweit- und Drittjobs zu müde ist, um Qualität zu liefern. 
Und wenn man dem derzeitigen Schlagabtausch zwischen Produzentenallianz (hier der Link zur Pressemitteilung der Produzentenallianz) und Filmschaffenden (die sich anonym zu Wort melden, weil sie Angst um ihre Aufträge haben!!) glaubt, dann passiert Folgendes: die Produzentenallianz möchte eine Ausnahme für den kommenden Mindestlohn bei Praktikanten beim Film. Abgesehen von der Lächerlichkeit, dass auch Nicht-Praktikanten nicht ordentlich bezahlt werden, müsste doch genau die Produzentenallianz die Branche unterstützen und Druck ausüben! Druck ausüben, dass eben nicht nur Praktikanten einen Mindestlohn verdient haben, sondern eben auch alle anderen Beteiligten. Eine schwache Leistung, über die schon einiges sehr Zutreffendes gesagt wurde. Meine Erfahrung beider Seiten ist diese: Praktikanten arbeiten genauso viel, hart und sind meist ebenso qualifiziert für die Arbeit (auch wenn das Ausbildungsthema noch einmal ein anderes ist). Und wir beuten sie aus. Wir werden ausgebeutet. 

Juhu, ich bin veröffentlicht! Kann mir bitte jemand 62 Cent geben, damit ich mir eine Brezel leisten kann? Ein Appell.
Es muss ja nicht die Million sein. Aber eine angemessene Bezahlung, welche wenigstens die Miete bezahlt. Wenn ich geldversessen wäre und meine Ideen und meinen Einsatz nicht über meine Gage stellen würde, würde ich Hartz IV beziehen oder mich arbeitslos melden. 
Wir sollten aufhören, die geringe Bezahlung, die Bezahlung unter Tarif als Normalzustand anzusehen. Ich möchte für meine Arbeit bezahlt werden. Ich habe einen Bachelor-Abschluss einer sehr guten deutschen Universität, einen Master-Abschluss einer bekannten irischen Universität und viel praktische Erfahrung, Unternehmergeist und gute Ideen. Ich möchte für meine Arbeit bezahlt werden und zwar richtig. 

Liebe Kolleginnen und Kollegen, macht eure eigene Branche nicht kaputt. Besteht auf angemessene Bezahlung, egal in welcher Kreativbranche (oder wo auch sonst) ihr tätig seid. Wenn es keinen mehr gibt, der für einen Dumping-Lohn oder aber allein für das Prestige seine Arbeit hergibt, dann müssen sich die Firmen, die Kunden, die Magazine, die Verlage, die Filmproduktionen und die Geldgeber andere Strategien überlegen, sie müssen nachhaltiger handeln, sie müssen fair handeln.

Eine Initiativ-Idee wächst. Bald mehr hier. 

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