25. Juni 2013

GRELL - EINE GESCHICHTE



Das leuchtende Fenster frisst mich auf. Es zerrt an meinen Händen, an meinen Fingern, an meiner Zeit. Die Zeit herzugeben ist das Schlimmste.


Ich konnte alles überblicken. Freunde, Bekannte, mögliche Liebhaber. Doch irgendwann überblickte ich nichts mehr, spürte nur noch den täglichen Drang eine persönliche Nachricht in der Öffentlichkeit zu hinterlassen, eine, die mich zufrieden stellte, befriedigte, um dann von „BILDER VOM MALLE-URLAUB. CHECK IT OUT!!!“ und „SONJA H. IST SINGLE“ übertrumpft zu werden. Das verlangte von nachfolgenden Nachrichten meinerseits unbedingte Kontrolle und Offenheit. Eine höhere Preisgabefrequenz.
Die Worte wurden mehr, die Tage wurden kürzer. Wer dabei sein will, der musste das Dabei sein und seinen Worten Worte folgen lassen. Die Planung begann tageweise, dann stundenweise, und wurde schließlich zum Minutentakt. Die zerstückelte Zeit begann bald schon den kleinen Datenbits zu ähneln, die meine Informationen streuten. Der nächste Eintrag im Netz war nur besser, weil er den vorherigen um ein weiteres Stück Ich vollkommener machte. Ich erzählte, wo ich hinging, was ich zum Mittagessen aß, wen ich auf einer Party traf, was ich gut fand, und wen ich online verfolgte. Mit der Zeit riss ich mir Stückchen aus meinem Ich, die ich selber noch nicht gekannt hatte. Das leuchtende Fenster begann, mich zu durchleuchten, mich aufzufressen. Irgendwann überblickten die anderen mich. Sie kannten mich, sie kannten mein Ich und fortan wusste ich, wer ich war, wer ich sein sollte, wer ich sein durfte. Bis ich das leuchtende Fenster (zu spät?) aus dem Fenster warf und das Leuchten mit einem Klirren (zu leise?) verschwand.
„NEUSTART“


„ICH LIEBE DEN GERUCH MEINER KERZEN, DA DENKE ICH AN WEIHNACHTEN. VANILLE ODER ZIMT – YUMMY!“
Ein Zimmer, das nach gelöschten Kerzenlichtern duftet. Es erinnert an Weihnachten, an Zimtstangen, und an Lebkuchen. Die Wände sind warm, sie halten gerade noch das letzte Leuchten fest. Das Flackern vom gelöschten Licht. Der sanfte Rauch verteilt sich in die vier rosafarbenen Ecken und lässt sich auf dem Sofa nieder. Das Sofa sieht flauschig aus.
Eine Frau befeuchtet ihren Zeigefinger, ihren Daumen, gerade als sich die Playlist zum dritten Mal an ihren Anfang schleicht. Sie drückt beide Finger an den Docht der übrig gebliebenen Kerze. Zschhh. Rauch und rosarote Ecken.
Du hast sie ja nicht mehr alle! Merkst du eigentlich noch was?
                       Mir geht’s gut.
Nein, geht’s dir nicht. Schau dich an! Schau dir doch mal deinen Dreck hier an!
                       Mir geht’s gut. Ich weiß, was ich tue.
Nichts weißt du! Dein Leben nimmst du dir weg, das machst du.
                       Halt dich da raus.
Ein Gespräch von Abenden davor. Bevor das Kuschelsofa zur Falle wurde und als das Fenster noch sperrangelweit offen stand.


Irre durch die Straßen. Habe nichts zu tun. Habe ich nicht. Habe Gedanken im Kopf (Sätze sind es!). Sie wollen raus. Wollen geschrieben werden, wollen gepostet werden. Will mich mitteilen, die Sätze teilen, mich teilen.
Die schwarze Tintenlinie ist der Fluss, der die Stadt entzweit; eine Straße führt nach Osten, die andere zurück zu den Gleisen, in die entgegengesetzte Richtung. Die Farbe des Wassers kann man nicht von der Dunkelheit der Mauern unterscheiden. Tiefschwarz. Schwarzes Tief,  fühle mich verfolgt, und die Mauern halten die rauschende Kraft fern. Nur dort, wo der Fluss unter Brücken durchtaucht, leuchtet es hell (grell), in Grün, in Rot, in Blau. Punkte, die aussehen, als ob eine Schlange die Zeichen eines Textmarkers trägt.
Der Schal wird feucht von meinem Atem, habe ihn um meinen Mund gebunden, damit die Kälte nicht eingeatmet wird. Dachte, hier wäre es wärmer, ruhiger. Und dachte, eine fremde Sprache in der Welt da draußen macht mich wortlos, sprachlos, kommentarlos. Starre in die Leuchtpunkte. Das Handy in meiner Tragetasche summt eine schöne, eine bekannte Melodie.

Der nächste Klick.

Der nächste.
                       Hallo?
                       Ist da wer?
Ich brauche mehr. Aktion gegen Reaktion. Wenn man die Augen schnell genug hin und her bewegt oder sie entlang der schwarzen Stellen des Flusses schließt und an den Brücken mit den Leuchtpunkten wieder aufmacht, ist das Wasser nicht mehr dunkel, es blinkt. Ich summe die Melodie mit, da bewegt sich etwas an der Steinmauer gegenüber.


„HABE SOEBEN EINEM MENSCHEN DAS LEBEN GERETTET. GLAUBE ICH.“ (20 LIKES)
Er dreht sich um, streicht sich durchs Haar, schweißige Hände auf kalter Haut, diese eine Locke fällt ihm ins Gesicht. Die, die ihm immer ins Gesicht fällt, ihn kitzelt, nur durch Gel und Haarspray und Gel zurückgehalten werden kann. Der Schlag hat ihn aufgeweicht. Hat seine Fingerknochen in wabbelige Fingerknochen verformt. Er hört ein leises Rauschen.
Seine Finger befühlen die Wunde am Hinterkopf. Er ist irritiert. Immer noch.
Er hört das Splittern des Glases in seinem Kopf erneut splittern und in kleinen Kanten auf den Bordstein fallen, wie heftiger Regen mit Hagelkörnern. Leiser aber, wie Glas im Film in Zeitlupe zu Boden fällt, zerbricht, zerspringt. Sein Schädel hat den Lärm gedämpft.
Sein Schädel hat den Lärm gedämpft und dämpft das Licht der Straßenlaterne. Er unterdrückt die Kälte, den Schmerz, den Geruch. Von Alkohol und Erbrochenem, von einer durchfeierten Nacht. Das Einzige, was er nicht dämpft, ist sein Blut, das im Innern seiner Ohren gegen Betonwände hämmert.
            Ist da wer?
Er steht auf, und lässt seinen Finger auf der Wunde, um den Schmerz mit Druck zu stillen. Schaut sich um. Bleibt kurz stehen. Sieht nichts. Sieht nichts.
Das Echo, das entlang des Flusses schrillt kommt nicht von einem Krankenwagen. Es kommt von der anderen Seite. Er kennt den Klingelton, er weiß nur nicht genau woher (ist es seiner?). Als er den Ton orten kann, fügen sich die Erinnerungsfetzen zu einer beinahe durchgehenden Nacht zusammen: der Flyer, das Gedränge im Club, die Bierflaschen. Frische Luft wollte er einatmen, hatte sich durch schwitzende Körper gedrängt und in Gedanken jene verflucht, die das Rauchen in Discos wieder einführen wollten. Er mochte den Schweiß mehr als den Rauch. Der Rauch nahm einem die Sicht, der Schweiß aber war Ausdruck von Tanz, Liebe zur Musik, von purer Leidenschaft.
Dann stand er vor dem Eingang. Betrunken war er, gefangen in der Bewegung des Wegstoßens von Körpern. Also streckte er seinen rechten Arm ein letztes Mal aus und schob etwas aus dem Weg. Dann kam der Schlag (erst die Pöbelei?), und plötzlich waren alle Lichter weg.

Das Klingeln hört sich an wie unter Wasser und steht nun neben ihm. Eine Hand in der Tragetasche, die andere am Riemen schaut sie ihn mit unsicheren Augen an und spricht in ihren Schal, fragt ihn etwas.


„MORGEN ABEND EINWEIHUNGSPARTY, DRITTER STOCK, ZWEITE TÜR LINKS. IM GRAUEN APARTMENTBLOCK, DIREKT AM KINO. ALL WELCOME!!!“
Fragmentierung. Ich und ich und ich und du und du und du.
Zu viele Informationen, um verarbeitet zu werden. Das grelle Licht blendet mich. Ich fühle manchmal meine Beine nicht mehr richtig. Vielleicht liegt es am vielen Sitzen?
Die Informationsstreusel liegen im Online-Datengeflecht, wie Herbstblätter neben einer Hauptstraße. Sie sind verdorrt, braun, abgerissen. Sie folgen einem Muster, doch welches Muster das ist, scheint mir unüberschaubar zu sein. Wenn ein Auto vorbeifährt werden sie erfasst und tauchen und springen durcheinander. Als ob sie ein eigenes Leben hätten. Wenn ein Windstoß kommt, fliegen sie ein Stück, bevor sie springen, immer noch in diesem unsichtbaren Muster, das irgendeiner Logik folgt.   

Das Blinken ist ständig in meinem Kopf. Das Licht des Bildschirms zieht mich an, wie die Leselampe das Insekt. Ich verzehre mich danach, möchte ins Licht, auf die Bühnenbretter der digitalen Welt. Egal was ich gerade mache, eine Frage staut sich in meinen Gedanken. Sie verstopft die Zugänge zu allen anderen Fragen, Aufgaben, Notwendigkeiten: was könnte ich posten?
            Ich bin hier.
            Der nächste Klick.


„GEILSTE PARTY EVER, DANKE KRISTINA“
Das Sofa ist ein Monster. Es war so flauschig, am Anfang. So warm und gemütlich und man versank darin. Vor allem dort, wo sich die beiden Sitzpolster in der Mitte treffen. Da war es tief und das Sofa fing einen auf und man kam ohne fremde Hilfe nicht wieder zum Stehen.
Sie wehrte sich, sie kratzte, sie versuchte ihr rechtes Bein zwischen sich und seinen schweren Körper zu bringen. In Filmen sah es so leicht aus. Sah so leicht aus, sich zu wehren, ihn von sich zu stoßen. Das Sofa aber wurde zum verbündeten Feind und fesselte sie an seine Mitte, verbiss sich in sie, so, dass die Polster sie nach unten zogen und er sie nach unten stieß. Als wolle man auf einer Rolltreppe nach oben steigen. Man steigt und steigt und sinkt doch immer tiefer hinab. Man steigt gegen die Rollrichtung.
Lass das! Hör auf!
Es roch nach Vanille. Es roch nach Lebkuchen. Es roch nach Schweiß. Ihre Stimme schien nicht durchzudringen, schien sich im Duft der Kerzen zu verlieren, sich in die Ecken zu verteilen und schließlich aufzulösen. Sie wünschte, sie könnte mit ihrer rechten Hand zu den Tasten gelangen, aber die Hand ragte beinahe kerzengerade und bewegungslos aus der Sofamitte, so tief war sie eingesunken.
Er hört sie nicht, er wollte nicht hören. Stattdessen presste er seine rechte Hand auf ihre  Hüfte. Sein Gewicht gegen ihren Knochen. Der Schmerz schoss in ihre Muskeln, ihren Körper.

Und sie.
Schämte sich.

Weil sie sich nicht wehren konnte.
Weil das Monstersofa so flauschig aussah.

Weil sie erregt gewesen war, als sie beide nebeneinander auf dem Sofa saßen (weg waren die anderen!) und er seine Hand langsam in ihre Hose schob, vorbei an den dünnen Riemen ihres Tangas, vorbei an dem Moment, in dem sie sagte (zu leise? zu süß?)
nein.

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